Wenn Wahrheit Raum braucht
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Es gab eine Zeit, in der Vergebung mein Weg war. In der ich geglaubt habe, dass Verstehen heilt, dass Analysieren, Einordnen und Begreifen irgendwann genügt.
Heute weiß ich: Das Gefühl hat sich nicht verändert. Aber meine Haltung hat es. Ich habe verstanden. Ich habe vergeben. Was ich nicht mehr kann, ist Wahrheit ohne Leben und Gefühl ohne Öffnung alleine zu tragen.
Es gibt Wahrheiten, die nicht laut enden.
Keine Türen, die zuschlagen.
Keine klaren Abschiede.
Nur ein inneres Wissen, das sich irgendwann nicht mehr verdrängen lässt.
Dieser Text ist kein Angriff.
Er ist auch kein Abschied.
Er ist das Ende meines Schweigens.
Nichts davon schließt eine Tür.
Es beschreibt nur, was Raum braucht, um wahr zu bleiben.
Ich habe lange geschwiegen. Nicht aus Angst, sondern aus Rücksicht. Ich habe vieles gehalten, vieles verstanden, vieles innerlich bewegt. Doch Schweigen wird zur Last, wenn man beginnt, Dinge zu tragen, die nicht mehr zu einem selbst gehören. Ich bin ein Mensch, der Raum halten kann – gerne sogar. Aber nur dort, wo mir auch Raum begegnet. Was ich nicht mehr kann, ist alleine zu tragen, was Begegnung bräuchte.
Ich fühle nach wie vor. Die Verbindung. Die Nähe im Stillen. Träume. Begegnungen ohne Worte. Dieses Wissen, das nicht erklärt werden muss. Manchmal reicht ein Moment. Ein Vorbeifahren. Ein Gefühl im Körper. Man muss nicht hinsehen, um zu wissen, wer da ist. Ich habe gesehen. Auch wenn es nicht so wirkte. Und allein das zeigt, dass zwischen zwei Menschen mehr existieren kann als das, was ausgesprochen wird. Doch genau hier liegt die Grenze. Denn Spüren ohne Öffnung bleibt innen – und beginnt irgendwann, den zu verlassen, der es trägt.
Es gibt Formen, in denen Wahrheit gehalten werden kann. Worte. Musik. Kunst. Sie sind echt, und sie tragen viel. Ich ehre das zutiefst. Doch so wahr sie auch sind: Sie ersetzen keine Öffnung. Keine Handlung. Keine reale Bewegung. Ausdruck kann begleiten, aber er kann kein Leben ersetzen. Tiefe zeigt sich nicht nur darin, wie viel jemand fühlt, sondern auch darin, was er irgendwann bereit ist, wirklich zu leben. Fantasie kann vieles bewahren – aber sie kann kein Leben ersetzen.
Ich übernehme Verantwortung für mein Fühlen, für meine Wahrnehmung, für meine Wahrheit. Was ich nicht mehr übernehme, ist Schweigen, das mich selbst verlässt. Tragen ohne Resonanz. Nähe ohne Öffnung. Nicht aus Härte, sondern aus Selbstachtung. Ich fühle weiter. Aber ich halte nicht mehr alles alleine.
Dieser Text ist kein Ende. Er ist ein Schließen des Kreises in mir. Kein Abschließen. Kein Weggehen. Aber auch kein weiteres Schweigen. Wahrheit will gelebt werden. Und wo sie das nicht kann, braucht sie zumindest Ehrlichkeit.
Wenn etwas gehalten werden will, braucht es Öffnung. Nicht nur im Inneren, nicht nur in Gedanken, sondern im Leben. Alles andere bleibt Möglichkeit, aber keine Begegnung.
Und manches bleibt wahr, auch wenn es lange keinen Weg nach draußen findet.
Séverine 💫